Besucher:
126521

UWE SCHWARZ

"Lebensform MENSCH"
28.04.2008 – 19.06.2007 | Galerie Laterne | Karl-Liebknecht-Str. 19

>> Vernissage: Zur Chemnitzer Museumsnacht am 17.05.2008 um 20.00 Uhr
Laudatio: Matthias Zwarg
Musik: Till Wallendorf


Ab 20.30 Uhr satirische Animationsfilme von Winfried Richter


Ausstellungsgespräch mit Uwe Schwarz

Laterne: Für dich hätte es schon seit Jahren die Möglichkeit gegeben in der Laterne eine Personalausstellung zu zeigen. Auf unsere Anfragen hin warst du aber meist sehr zögerlich. Nun vor knapp einem Jahr hast du diese Haltung aufgegeben und mit großer Sicherheit deinen Wunsch nach einer Ausstellung geäußert. Wodurch kam dieser Sinneswandel zustande?

Uwe Schwarz: Ich bin immer noch zögerlich, aber man muß sich ja mal irgendwelche Ziele setzen und wahrscheinlich war das durch den 50. Geburtstag bedingt, daß man da gesagt hat, mal einen Abschnitt irgendwie dokumentieren. Eine kleine Retrospektive, so in der Art.

Laterne: Ja, das ist gleich die Frage. Stellst du dich dann auch in der Laterne - Zeitung vor, daß wir auch über deine Geschichte als Maler was schreiben, oder ist es mehr eine thematische Ausstellung?

Uwe Schwarz: Es sollte schon mehr eine thematische Ausstellung sein der jetzt aktuellen Werke oder Sachen. Aber man wird in der Laterne – Zeitung doch das eine oder andere Werk sehen von früher. Wo man dann Parallelen zu den heutigen Sachen vielleicht entdecken kann, also eine gewisse Entwicklung, so habe ich es vor.

Laterne: Die mir von dir bekannten Arbeiten habe ich meist in Gemeinschaftsausstellungen der Laterne aber auch in anderen Gruppenausstellungen gesehen. Die Themen bewegen sich oft um die Deformationen des menschlichen Daseins. Dies wird in den Arbeiten überhöht dargestellt und wirkt selten geschönt. Was ist das für eine Ästhetik, die du verwendest und auf welche Tradition greifst du dabei zurück?

Uwe Schwarz: Allgemein gesagt, sind das irgendwelche Kopfgeburten, die einen verfolgen, im Traum oder im Tagtraum, im Wachsein. Meine ganze Beschäftigung, ob nun Literatur oder so, eigentlich seit frühester Kindheit hat irgendwie damit was zu tun. Also soziale Aspekte, Philosophie, Wissenschaft kommen dazu und diese Verflechtung, die mit Mensch zu tun hat, Menschwerdung, wie sich der Mensch entwickelt hat, wohin es gehen soll, sind so Prozesse der Nachdenklichkeit und das versuche ich , weil ich es wahrscheinlich nicht anders kann, in Bilder zu fassen. Singen und reden kann ich nicht so gut.

Laterne: Gibt es für dich das „schöne Bild“ oder hat das für dich mit moderner Kunst nichts zu tun?

Uwe Schwarz: Na, das schöne Bild ist für mich vielleicht mit einer Ironie verbrämt, also ich versuche manchmal schöne Bilder zu machen. Gerade jetzt auch mit den Schweizer Sachen, wo wir mit unserem Symposium in der Schweiz waren, die Laterne – Künstler, habe ich mich so auf die Natur eingelassen und es sind nur schöne Sachen rausgekommen, also niedliche, schöne Schweizer Bilder. Es waren eigentlich mehr oder weniger nur so Übungssachen, die dann aber trotzdem relativ gut gewirkt haben , daß sogar einige Schweizer Leute so ein Bild gekauft haben von ihren eigenen Bergen.

Laterne: Niedlich und schön ist vielleicht doch ein Unterschied.

Uwe Schwarz: Heile Welten waren das, die ich eigentlich im Bild nicht so anstrebe. Wenn dann in einem gebrochenen Kontext.

Laterne: Ist es dir möglich einen idealen Zustand, den die menschliche Gesellschaft haben könnte zu beschreiben? Oder anders gefragt, lebt deine Kunst nur von der Kritik und würde sie bei idealen gesellschaftlichen Verhältnissen ihren eigenen Sinn verlieren?

Uwe Schwarz: Das ist natürlich die große Frage. Die Reibungspunkte, das sind die, die die Menschheit beflügeln und große künstlerische Leistungen hervorbringen. Oder ob man anders rum im Schlaraffenland genau noch so kreativ ist. Wer kann das beantworten? Ich denke, Forscher und Künstler werden immer auf der Suche sein. Es werden ewig die Mühen der Ebene sein. Ich würde schon sagen, daß Reibungspunkte wichtig sind, um irgendwie Kunst machen zu können oder kreativ sein zu können. Aber manchmal könnten die Bedingungen dafür etwas gemäßigter sein.

Laterne: Vielleicht wäre aus dir auch ein Comiczeichner geworden, denn es gibt auch einen Haufen kleine satirische Zeichnungen, Kalender etc.- auch in den Bildern ist eine Satire immer deutlich spürbar.
Könntest du dir vorstellen mal mehr in dieser Richtung zu arbeiten? Oder sind das eher Nebenprodukte, die im alltäglichen Geschäft entstehen?

Uwe Schwarz: Das sind eher Nebenprodukte. Ich hab‘ mal in der Wendezeit sehr viele solcher Karikaturen gemacht, die so auf tagesaktuelle Sachen eingegangen sind, so für Lokalzeitungen, für Eulenspiegel, aber ich habe gemerkt, daß ich eigentlich nicht so vordergründig humorvoll bin und habe dann auch schnell die Lust verloren, also das war für mich ein zu großer Aufwand da was zu zeichnen. Ich habe dann versucht meine Gedanken in der Malerei und Grafik unterzubringen. Jetzt auch immer mehr der Versuch, mit der Skulptur auch was zu bewirken. Die Skulptur ist für mich jetzt auch so ein Faktor geworden, es sind zwar noch nicht sehr viele Produkte entstanden, aber ich habe gemerkt, das ich da mit einer anderen Herangehensweise irgendwie was bewirken kann. Also das sind nicht so sehr die Kopfgeburten die auf den Bildern entstehen, sondern das sind handwerklich-mechanische Sachen, die sich plötzlich formen. Wo in einem Stück Holz plötzlich schon die Figur drin ist, wo im Tonklumpen plötzlich ein Wesen entsteht. Das finde ich interessant.

Laterne: Der Umgang mit anderem Material reizt dich jetzt?

Uwe Schwarz: Die Skulptur, das Dreidimensionale, wahrscheinlich werden es auch immer menschliche Darstellungen werden. Das andere wie die Struktur oder totale Abstraktion, das interessiert mich nicht ganz so.


Laterne: Was Neues gibt es bei dir immer in Bezug zur Technik. Gerne greifst du dabei auf das Modernste zurück. Du setzt auf einen technologischen Vorsprung, der dem Betrachter eine neue Sichtweise suggeriert und dich sicher selbst auch anregt zu eigener Produktivität. Es wäre schön, wenn du uns in diese Geheimnisse einweihen könntest. Also die Frage wie wird’s gemacht. Z.B. die Bilder auf dem zweiten Herbstsalon, die wie Siebdruck wirken, aber noch mit anderen Verfahren erzeugt worden sind.

Uwe Schwarz: Na ja, das sind alles so Sachen, ich nutze viele Dinge. Ich habe keine Scheu vor der Technik. Das geht zweigleisig. Ich beobachte das schon, ich habe eher eine Scheu vor der Medientechnik als solche, der Manipulation, die sie bewirkt aber ich nutze die Technik und die Mechanik für meine Bilder. Ich versuche, genau wie die Medien das machen oder die Werbung, solche Prinzipien einzusetzen. Es ist eine vielfältige Sache, die auch eigentlich auf alte Systeme zurückgreift, wie Collagen oder Schnittsachen, Fotografie, Vermengungen, Ebenen, eine gewisse Transparenz und dann auch Chemikalien einzusetzen. Also ich versuche, das natürlich meinen Vorstellungen anzupassen, Brüche reinzubringen oder das Deformieren, Auszüge aus ganz anderem Kontext.

Laterne: Du kommst aus der Werbebranche und das meiste über dich im Internet findet man in diesem Bereich. Die Agentur Made in Flöha zeigt ihren ganzen Produktumfang und wie man spürt nicht ohne Stolz. Auf der Seite der Firmengeschichte - Chronik genannt - bildet ihr (dein Kollege Lothar Vogel und du) eine lebende Plastik, die an den Vorspann eines Mosfilmes erinnert. Eine Plastik des sozialistischen Realismus. Dort dreht sich ein aufwärtsstrebendes Pärchen - Mann und Frau – die jeweils einen Arm mit Hammer und Sichel gen Weltraum strecken. Sie stellten die sozialistischen Himmelsstürmer der fünfziger und sechziger Jahre dar. Ihr posiert mit Jeans, Pulli, leichtem Bierbauch, Säge, Hammer und grinsender Made-Raupe im Hintergrund. Welchen Himmel wollt ihr erstürmen?

Uwe Schwarz: Na ja, was man halt so machen kann in der Werbung. Das ist unsere Existenz, wovon wir leben. Wir sind grundlegend verschieden. Müssen uns zusammenraufen und haben da mal posiert, einen gewissen Teamgeist dargestellt. Aber wir sind eigentlich trotzdem grundverschieden, jeder macht seins und Lothar eigentlich nichts Künstlerisches. Es war so eine Art Gemeinschaft, also unsere Verschiedenheit zu einem Bild symbolisiert. Aber allgemein muß man schon sagen, daß mich solche Figuren, die aufstreben, emporstreben schon begeistern. Aus einer ruhigen Situation oder einer Andacht oder eines gewissen Überlegtsein nach etwas Anderem zu streben. Sich zu verändern, also emporzukommen. Jetzt nicht so gemeint Karriere zu machen, sondern daß man nicht beharrt in seinem Sein und sich verkriecht. Solche Sachen sieht man zwar auch auf meinen Bildern, resignierte Menschen, kranke Menschen, aber das Gegenteil sind diese Aufstrebenden, der aufrechte Gang.

Laterne: Zu den Produkten, die eure Agentur erzeugt gehören auch Ganzreklame an Autos und Blow UP’s also Riesenposter. Soweit mir bekannt habt ihr mit Siebdruck angefangen, der aber jetzt ziemlich verdrängt scheint vom Foliendruck. Ist es nicht eine große Herausforderung für einen Künstler in solch riesigen Formaten zu arbeiten, solche komplizierten Formen wie eine Autokarosserie zu bearbeiten? Könntest du dir da auch Anwendungen in der „reinen“ Kunst vorstellen – z.B. die freien Giebelwände in einer rückbaubelasteten Stadt mit einer Ausstellung von künstlerischen Arbeiten in der Klebefolietechnik oder Großplakattechnik?

Uwe Schwarz: Könnte ich mir eigentlich nicht so richtig vorstellen. Manche Sachen sind eigentlich der Werbung vorbehalten, also diese riesigen Planen und Einkleidungen von Fassaden das hat eigentlich immer einen Werbeeffekt. Aber was ich mir vorstellen könnte und beobachte sind solche Graffitisachen und –aktionen. Zum Beispiel der Banksy in London, der sozial kritische Figuren plötzlich an schöne Wände oder Tunnel macht, Ratten vor allem oder sich küssende Polizisten, ein bißchen anarchistische Themen. Die Technik nützt ja auch riesige Schablonen die er dann schnell draufpappt und klebt und schnell darüber sprüht. So was ist kunstgemäßer für unsere heutige Zeit.

Laterne: Du könntest dir vorstellen, daß du am Turm von der Augustusburg als Sprayer heimlich nachts dort tätig wirst?

Uwe Schwarz: Wenn ich jetzt sagen würde, so was ähnliches habe ich mir schon mal überlegt, aber da bin ich hier viel zu sehr eingebunden, als das ich das machen würde. Aber es gibt Ansätze, z.B. die nächste Ausstellung hier in der Turmgalerie wird ein gewisser Pit Kinzer sein. Große Models nennt sich diese Ausstellung, da hat er angefragt ob 3 oder 4 überlebensgroße Figuren, also 3x4 m, angebracht werden können. Da wird eine davon am Turm zu sehen sein, eine wahrscheinlich am Rathaus und eine in der Innenstadt am Markt. Das sind so sportlerische Figuren, Turmspringer, Taucher, die dann an einer Fassade, also ziemlich hoch, angebracht werden, die da eben Blickfänge sind.

Laterne: Das ist ja interessant, aber sicher wird das vorne weg mit den Behörden oder irgendwelchen Leuten abgesprochen. Das ist ja das reizvolle mit diesem Künstler in London, das er das vielleicht vorher nicht abspricht, sondern die Dinger sind dann da und das ist vielleicht das Besondere, Gravierende daran, oder?

Uwe Schwarz: Das stimmt. Man muß da sehen, was ist machbar, man muß ein bißchen pragmatisch denken. In vielen Sachen ist das so. Hier würden solche Banksy-Graffitis sicher eine ganz andere Wirkung haben wie in London und anders rum. Jetzt die Ausstellung von Pit Kinzer, für ihn ist das eine großartige Werbung, wenn er die Ausstellung im Turm hat, daß die riesigen Figuren da so rum schweben. Auf der anderen Seite ist das auch was für Augustusburg. Die Leute und Touristen werden gucken, warum ist da plötzlich ein Taucher 20 m über dem Erdboden und stürzt so runter. Das hat für mich einen schönen Effekt.

Laterne: Ich glaube, der schwierigste Punkt in der Firmengeschichte war wohl, den auch der Matrose Lothar Vogel nicht verhindern konnte, der Untergang des Unternehmens in den Hochwassern der vereinigten Flöha und Zschopau. Was waren die Beweggründe bei dir sozusagen nochmals von vorne anzufangen? Und wäre nicht dieser Zeitpunkt eine Möglichkeit gewesen vollständig in die Kunst oder auch woandershin einzusteigen?

Uwe Schwarz: Das wäre der richtige Moment gewesen. Im Nachhinein bereue ich´s auch. Ich war nahe dran. Es gab auch schon wieder etliche Phasen, wo ich gesagt habe, jetzt ist Schluß. Aber damals zur Flut, das gab eine riesen Hilfsbereitschaft, die da plötzlich war. Da hat der geholfen, der geholfen, dort gab es eine Spendenaktion von der Freien Presse, dann des Lions-Clubs und dann der Diakonie. Und wegen der Versicherung hatte man fast gar keine andere Chance. Man hat alles ersetzt bekommen. Neue Technik erhalten und wieder einen Auftrieb gehabt weiter zu machen. Hätte man das nicht gemacht, der Lothar mein Kollege, hätte nie was alleine angefangen oder weiter gemacht. Und nun habe ich in den sauren Apfel gebissen und bereue das manchmal und hab manch schlaflose Nacht mit dieser Agentur und wie das weiter geht und so. Dann wieder den Frust, nichts Künstlerisches machen zu können, weil man ausgepowert ist und dann müßte man noch das machen und das geht einem noch im Kopf rum. Es ist ein schwieriges Terrain, ein Tanz auf dem Seil, irgendwie.

Laterne: Wo gibt es das Nummernschild NIX 08-15?

Uwe Schwarz: Das gibt’s wahrscheinlich nirgends. Das ist irgendwie eine Bezeichnung eines Maschinengewehrs gewesen. 08-15 war die Bezeichnung eines Maschinengewehrs und hat sich mal als geflügeltes Wort heraus geprägt. Wir haben das mal als Jubiläumsspruch genutzt für unsere Agentur.

Laterne: Spielt nicht, um nochmals auf deine Bildmotive zurückzukommen, die tägliche Erfahrung in der Werbung, der Promotion eine große Rolle bei deinen Arbeiten? Menschen müssen davon überzeugt werden, dass sie die beworbenen Dinge auch brauchen. Eigentlich ein absurdes Geschäft.
Du hast mal von einem Buch gesprochen, das hieß „Der Terror der Ökonomie“ von Viviane Forrester. Das ist ein leidenschaftliches Pamphlet gegen den Neoliberalismus und die Globalisierung. Fühlst du dich in einem menschlichen Dschungel gefangen, der dich zwingt auf diese Regeln einzugehen, um zumindest das Grundlegendste zum Überleben vom großen Kuchen zu bekommen. Oder könnte es nicht sein, daß unsere Erkenntnis vor der Realität steht, einen anderen Blick verstellt. Also, daß wir nur das sehen, was wir vorher uns über die Welt ausdenken? Also daß das von uns selbst kommt.

Uwe Schwarz: Das kommt schon von uns selbst, es sind Prozesse der Industrialisierung in Gang gesetzt worden, die kaum noch aufzuhalten sind. Durch diesen Ost-West Konflikt wird das zwar irgendwie ein bißchen geregelt oder in andere Bahnen gelenkt, also Alternativen, aber jetzt gibt es eigentlich kein Halten mehr. Die Prozesse wirken allumfassend. Das einzige, was propagiert wird, der Kampf der Kulturen, wo es gewisse Facetten der Andersartigkeit gibt, aber von der Religion geprägt, natürlich auch von der Industrialisierung. Wie gesagt, ich bin hier hinein geboren, ohne Religion. Ich befasse mich zwar mit Religion aber mehr pantheistischem Geist. Diese Werbung, da gibt‘s auch so einen Fotografen, die Werbung ist ein lächelndes Aas, hat er gesagt. Ich komme jetzt nicht auf den Namen. Toscani, ja. Der eigentlich ähnliche Prozesse oder so Bildverarbeitung für sich genommen hat und die Industrie mit genutzt hat diese Benetton-Firma für Textilien und anklagende Bilder auf riesen Leinwänden mit Aids und Hunger und Elend, also man kann schon versuchen da was in die Richtung zu kriegen. Aber eigentlich besteht eine Teilung zwischen Werbung und Kunst. Die habe ich auch für mich gezogen. Ich nutze nur diese Mechanik und die Prozesse und die Technik dafür.


Laterne: Deine Lust an der Kommunikation der Konnektion spürt man auch auf anderen Gebieten, nicht umsonst bist du der Vereinsvorsitzende der Turmgalerie, die Projekte, Ausstellungen organisiert und über 20 Künstler vereint. Sicher bringt das auch viel Arbeit und Zeitaufwand mit sich, den man dann im Atelier nicht hat. Allerdings ist es auch nicht jedermanns Sache stundenlang alleine vor der Leinwand zu sitzen. In welchem Verhältnis steht bei dir Öffentlichkeit und künstlerische Arbeit? Anders gefragt: ist Konnektion schon Kunst?

Uwe Schwarz: Kommunikation, was ist Kommunikation? Diese öffentliche Arbeit oder so. Warum mache ich das, habe ich mir überlegt, also ich tu mich mit meinem Charakter schwer großartige Reden zu halten, vor Leute zu treten, vor eine große Gruppe und da eine Rede zu halten. Ich sage mir immer, oder die Entwicklung ist so gegangen, man ist jetzt mittlerweile 50 Jahre, wer soll‘s machen. Wie ich immer ran gegangen bin, ist keine Konnektion zu suchen, sondern Freunde zu suchen, also Freunde, Verbündete, die hier in der Umgebung sind. Die genauso Unterhaltung suchen oder den Austausch, mit denen zusammen irgendwas zu machen. Das war in der Turmgalerie genauso. Jetzt haben wir einen Kunst- und Kulturstammtisch gegründet mit dem Ziel, Talente oder Kreative zu finden. Oder Leute, die was erzählen können, die was vorlesen, musizieren oder mal einen Vortrag halten. Z. B. ein Restaurator, der in Siebenbürgen war, hatte einen Bildervortrag gehalten. Als nächstes gibt es einen Stummfilm mit Klavierbegleitung eines Augustusburgers. Man entdeckt Leute und merkt, daß es ein Interesse gibt. Das sind zwar jetzt mittlerweile Sachen, wo ich sagen muß, daß ich da noch mal was von der Kunst abknöpfen muß und immer mehr Arbeit auf einen zu kommt. Man muß das vorbereiten, organisieren, Leute einladen, daß sich das entwickelt. Viele wollen oftmals an die „Hand genommen werden“. Wenn es da keinen gibt, dann findet nichts statt. Aber wie gesagt, ich wohne jetzt hier in Augustusburg und mir ist wichtig, daß ich in einer angenehmen Umgebung und Atmosphäre wohne. Ist die nicht mehr da, muß man versuchen sie mit zu gestalten. Also mit anderen. Schön ist, wenn die Lasten dann verteilt sind, aber na ja...

Laterne: In der Turmgalerie haben sich ja eine beträchtliche Anzahl von Leuten zusammengefunden, die auch sehr unterschiedlich sind. Kann man eine so große Anzahl von Künstlern zusammenhalten?

Uwe Schwarz: Die Turmgalerie das ist ein Idealfall, weil diese Galerie als solche die Ausstellungsfläche, die Leute zusammenhält. Nicht so die künstlerische Meinung oder das zusammen können. Dazu sind die Altersunterschiede zu groß und auch die künstlerischen Ansprüche oder Arten des Schaffens. Wir haben auch Modegestalter, Fotografen und welche, die in Richtung Karikatur arbeiten., also ganz verschieden. Dort haben wir uns zusammengerauft, weil wir diese Galerie als solche erhalten wollen, die sonst keinen Bestand mehr hätte. Einen Verein zu gründen ist eigentlich keine Kunst. Man braucht 6 Leute oder so, das haben wir damals gemacht und es sind viel mehr Leute geworden. Ich bin „leider“ Vorsitzender geworden. Aber wie schon vorneweg gesagt, das war für uns alle ein wichtiger Fakt die Galerie zu erhalten. Mittlerweile hat sich das so entwickelt, daß wir kaum selbst dort noch eine Ausstellung machen können, weil es so einen Run oder Bedarf gibt an guten Leuten, das wir einen Vorlauf von einem Jahr haben und immer mehr internationale Künstler dazu kommen. Am Jahresende wird ausgewählt, entweder mit 3 oder 5 Mann, eine ungerade Zahl, so können wir uns schnell einigen wie das Ausstellungsjahr wird.

Laterne: Augustusburg ist ja für das Erzgebirge ein verhältnismäßig gut besuchter Ort, obwohl die Verantwortlichen von Stadt und Schloss sicherlich noch größere Zahlen im Kopf haben und versuchen weitere Attraktionen zu inszenieren. Neuerdings hatte man die Idee ein Teilstück der Berliner Mauer als Leihgabe von Dietmar Radnüz, dem Besitzer des Hauses „Lehngericht“, der Stadt zu überlassen. Er hatte das gute Stück bei einer Auktion in Berlin erworben. Ich glaube, die meisten Amtsträger waren für die Aufstellung – du als Künstler nicht - warum?

Uwe Schwarz: Ich bin eigentlich immer für neue Ideen, was die Leute bewegt, oder so, aber die Berliner Mauer? Beim Kultur- und Kunststammtisch, das erste Mal hat das die Bürgermeisterin erzählt und auf den Tisch gepackt. Da gab es ziemlich kontroverse Meinungen, daß man eigentlich so ein schäbiges Stück von Stahl und Beton in seinen Dimensionen kaum als Skulptur erkennen kann. Eine Fläche vielleicht bemalt, was soll das hier in Augustusburg? Einige Leute haben gesagt, das wird die Leute anziehen. Ich sage, das wird niemanden interessieren, das sieht so was von schäbig aus und man hat keinen Bezug zu dem, wenn es als Symbol gedacht wird. Ich hab da mal ‘ne Idee hervorgebracht, die Mauer einfach so hinzustellen und mit einer Hydraulik schrittweise zu versenken, so langsam, also die Zeitspanne so lange wie die Mauer war, sollte sie allmählich versinken in so einen Kanal und dann mit einer Plexiglasscheibe abdeckt werden. So als vergängliche Aktion, da hätte ich noch einen Sinn gesehen. Hier in Augustusburg gibt es alte Mauern und ein Foltermuseum, aber da einen Bezug zur Berliner Mauer zu sehen? Die Faschisten hatten hier auch mal ‘ne Art Ausbildung und es sollte in der DDR-Zeit mal ein Internierungslager für anders Denkende werden, aber ansonsten.... Es gab für mich keinen Grund hier das Stück hinzustellen. Da lieber einen Skulpturenpfad schaffen oder einen Brunnen.

Laterne: Bei meiner Recherche habe ich festgestellt, dass es noch einen Uwe Schwarz gibt, der zumindest im Internet auf den vorderen Seiten steht und dir sicher damit etwas Konkurrenz macht, wenn man auf der Suche nach dir ist. Er ist ebenfalls 1957 geboren, aber als Hauptberuf wird Politiker angegeben. Uwe Schwarz ist SPD-Mitglied im Niedersächsischen Landtag. Wie steht es bei dir mit der Politik? Eigentlich bist du sehr politisch, indem du viele Beziehungen, Kontakte etc. aufbaust, pflegst, und erweiterst ohne gleich nach dem Verwertbaren zu schielen und mehr an zukünftige Möglichkeiten des Tuns und Gestalten denkst. Hätte deine ganze Mühe nicht eine noch größere Wirkung, wenn du den Schritt noch machen würdest zum Eintritt in eine, egal mal welche, politische Organisation?

Uwe Schwarz: Ich habe eigentlich immer die Alternative gesucht, ob das nun damals Neues Forum war oder dann Bündnis 90. Aber mit der Politik also jetzt auch mit der Grünen Politik kann ich nicht viel anfangen. Das ist für mich alles so Parteienzwang, das ist für mich nicht individuell genug. Das sind staatliche Prozesse mittlerweile. Diese Parteien, die irgend was flicken, austarieren zusammenhalten wollen, wo der Mensch als solcher eigentlich untergeht, hat für mich keinen Sinn. Für mich sind das Umfeld und die Nähe wichtig und da ist es eigentlich egal ob der von der CDU ist oder von der SPD. Das spielt für mich nicht die Rolle, es kommt auf den Menschen an.

Laterne: Der Name Schwarz ist ein Übername (Eigenschaftsname) nach der Haarfarbe, darüber hinaus ist er als jüdischer Familienname Bezeichnung der Fahnenfarbe für die Stämme Joseph und Benjamin. Die Farbe der Haare ist ja jetzt nicht mehr zu ermitteln. Der Name zählt zu den 19 häufigsten Familiennamen. Hast du Informationen zu Vorfahren deiner genealogischen Herkunft, spielt das eine Rolle für dich und deine Arbeit?

Uwe Schwarz: Eigentlich bin ich ein Vertriebenenkind. Meine Eltern, also mein Vater, der kommt aus der polnischen Gegend Gelena Gora –Landsberg. Die hatten dort ein bäuerliches Anwesen mitten im Wald, wovon er viel erzählt hat. Die Mutter meiner Mutter war aus Ostpreußen, die sind dann auch hierher verschlagen worden. Ich hab da nicht so sehr geforscht nach meinem Namen. Ich habe mittlerweile entdeckt, daß das Vertriebensein einen gewissen Effekt hatte, auch wenn das jetzt nicht so für mich gewirkt hat. Aber meine Eltern und die Großeltern, die haben das ja irgend wie weitergetragen, also ihre Regionalität oder ihre Heimat. Ich habe gemerkt, daß auch verglichen mit anderen, daß, wenn man woanders hingekommen ist, das hat bestimmt auch mit der Globalisierung so einen Effekt, daß man da anders reagieren muß und sich Verbündete sucht wie ich, als jemand von hier, der ein Urgestein dieser Region ist. Der hat vielmehr Assoziationspunkte und Riten, Gebräuche und Leute, die er kennt, wo er zurückgreifen kann als das bei mir der Fall ist. Meine Eltern sind irgendwann mal in Chemnitz gelandet und hatten auch noch Verbindung nach Flöha durch Verwandte. Ich bin dann durch Zufall über meine Frau, die da mit den Verwandten nichts zu tun hatte, doch in Flöha gelandet. Dann sind wir nach Augustusburg gezogen, weil das für uns mit der Burg, Landschaft und der Kultur viel besser war. Ich will‘s mal ketzerisch sagen, als in diesem „Jammertal“...

Laterne: Zurück zur Malerei. Was beschäftigt dich zur Zeit und was willst du in der Laterne zeigen?

Uwe Schwarz: Zur Zeit beschäftigt mich immer noch der Mensch und das wird sich wohl kaum ändern. Ich habe Sachen aus aktuellen Gegebenheiten, Medien aufgegriffen, Fotos verfremdet und in einen anderen Kontext gebracht. Da handelt es sich um Energie und was uns alle beschäftigt Windenergie und Kraftstoff, alternative Energie, Kernenergie, also so unsere heutige „Lebensenergie“ und wie der Mensch da in diesem Feld agiert. Entwicklung – Kommerz, Mangel, Fortschritt.

Laterne: Wenn du ein Bild beginnst, hast du da ein bestimmtes Ziel oder lässt du dich von den aufkommenden Zufällen, Überraschungen, Eindrücken abbringen, woandershin lenken? Oder bleibst du bei der einmalig entstandenen Idee?

Uwe Schwarz: Das ist, denke ich mal, so eine Mischung. Die Idee ist da und man setzt sie irgend wie um. Wenn das jetzt als Bild oder Kunstwerk nicht ausreicht, greift man eben zu spontaneren Sachen und tut etwas reinmalen oder überlagern bis es für mich stimmt. Es sind Prozesse, die kann ich nicht so verallgemeinern.

Laterne: Kommen deine Bildideen aus dem Wort oder aus dem Gefühl, der Empfindung?

Uwe Schwarz: Es kommt aus dem Gefühl, der Empfindung, auch aus dem Wort, also gemischt. Wie gesagt, ich lese viel philosophische, wissenschaftliche, technische, biologische Sachen, und gucke mir auch diese Grafiken dazu an. Vieles wird manchmal auch durch eine Grafik inspiriert oder wie in der Schule damals, wo eine Bildwand war, auf der der Mensch anatomisch zergliedert war, dort ein Pfeil hin, dort ein Pfeil hin. So wie die Schaubilder etwas freilegen, sezieren, beschriften. Das kommt da wahrscheinlich zum Tragen.

Laterne: Also analysieren, auseinander nehmen?

Uwe Schwarz: Das ist schon analysieren und in eine Bildwirkung bringen.

Laterne: Wann kannst du am besten arbeiten?

Uwe Schwarz: Am besten kann ich eigentlich arbeiten, wenn ich nicht ausgepowert, ausgeschlaucht bin, sondern wieder zu einer gewissen Ruhe gekommen bin. Aber wenn ein Druck im Hintergrund steht, also da ist die Ausstellung und jetzt mußt du was machen. Dort mußt du was einreichen, in solcher Konstellation. Die Arbeit in der Agentur muß ad acta gelegt sein, weil das auch kreative Prozesse sind, die im Gehirn Ressourcen beanspruchen. Da ich in meiner Kunst nicht so sehr mechanisch arbeite, brauche ich dieses Nachdenken und so, etwas erarbeiten, analysieren wie wir schon gesagt haben. Was ich vorhin gesagt habe ist die Sache mit der Skulptur, daß ich da anders rangehen kann. Das ist mehr eine Sache des Abarbeitens auch der handwerklichen Techniken, die ich ganz gut finde.Zum Beispiel an ein Holzstück mit einer Kettensäge ranzugehen. Da funktionieren andere Prozesse. Erstaunlich daß auch immer eine Figur entsteht, die ich dann gelten lassen kann.

Laterne: Was sind deine Kriterien in der Geltung?

Uwe Schwarz: Die Kriterien der Geltung das muß irgendwie in meinen Kosmos passen. Die sind jetzt nicht so sehr auf eine Massenwirksamkeit angelegt, ich denke nicht an den Betrachter, sondern ich versuche ihm etwas von meinen Gedanken mitzuteilen. Ihn anzuregen mit einer gewissen Deformierung, Ekeligkeit oder archaischem Prinzip einen Einstieg zu kriegen für das Bild. Diese Kopfgeburten sind ja irgendwie zeitlose Wesen mehr oder weniger...

Laterne: Aber das Ekelige wirkt doch abstoßend, nicht anziehend.

Uwe Schwarz: Ja, aber trotzdem. Man kann doch den heutigen Menschen kaum mit etwas erschüttern, da brauchen wir uns nichts vormachen. Die sind durch diese Medienallmacht und den Voyeurismus und die Werbung und alles Mögliche sind die so was von abgebrüht worden. Das Einzige, was hier bei uns wirkt, ist diese Nazi- oder Faschismuskeule, die mit Tabu unterlegt ist, das find ich auch ganz richtig, daß da gewisse Reglementarien wirken. Aber das andere da gibt’s kein Tabu mehr. Das hat die Kunst auch ausgenutzt viele Jahre, jetzt da was zu finden, eine Ekeligkeit, da muß man schon ganz schöne Register ziehen. Diese Facetten zu benutzen, ein anderes Medium: Sand und Fleisch mal Latex, Religion zu vermischen, so was meine ich damit.

Laterne: Soweit ich weiß, wird deine künstlerische Arbeit von vielen Kollegen aber auch Institutionen geschätzt. Z.B. beteiligst du dich an der Mittelsächsischen Kunstausstellung, die eine kuratorische Ausstellung ist. Du hast auch schon einige Preise eingeheimst. Welche sind das?

Uwe Schwarz: Ich hab bei gewissen thematischen Ausstellungen Preise erhalten.
„Kunst & Utopie“, „Heimat“, „Der Mensch das Maß aller Dinge“. Aber jetzt so grundlegend große Preise natürlich nicht. Da habe ich auch nicht so die Größe und Vielfalt. Ich habe nicht so ein großes Werk schaffen können durch diese Konstellation meiner Arbeit und des gesellschaftlichen Anteils. Aber die Kunst wird geschätzt und das beobachte ich immer mehr, weil ich irgendwelche Probleme anpacke. Es gibt ja kaum eine sozial-kritische Kunst als solche. In der DDR-Zeit hatte man kritische Kunst. Damals waren wir Außenseiter, die beobachtet wurden von Institutionen. Jetzt wird die Kritische Kunst kaum noch in der Öffentlichkeit wahrgenommen.
Wenn der Alltag schon problematisch genug ist – warum auch ?! Die Dokumenta und einige Biennalen versuchen in letzter Zeit auf die Globalisierung und die damit verbundenen Prozesse zu reagieren. Auch in der „Leipziger Schule“ und ihrem Star Neo Rauch ist wieder so eine gewisse Richtung entstanden, die eigenartiger Weise auch gut ankommt. Vielleicht kommt es aus der Richtung, daß meine Kunst beachtet wird und gern auch für solche thematischen Ausstellungen genommen wird.


Laterne: Was hast du selbst als nächstes künstlerisch wie beruflich vor?

Uwe Schwarz: Ich will eigentlich so weitermachen. So viele Ideen sind im Kopf, sind abgelagert und drängen dazu verwirklicht zu werden. Ich habe eine Baracke hier unten, gleich am Fuß der Burg von einem Baubetrieb, wo ich mit der Kettensäge Skulpturen machen kann, natürlich braucht man Zeit dazu. Dann habe ich immer mehr gemerkt, daß ich Installationen machen könnte mit meinen Sachen. Da habe ich auch einige Projekte oder Ideen, die ich umsetzen möchte. Mit Videotechnik und räumlichen Sachen, mit Ton vielleicht, das würde mich noch interessieren. Aber das bisherige wird parallel dazu weitergehen. Ich versuche, daß ich das Verhältnis irgendwie besser regeln kann. Agentur, gesellschaftliche Arbeit oder Vereinsarbeit und Beiratsarbeit. Ich bin auch im künstlerischen Beirat des Kulturraums Mittelsachsen, also ein hochklingender Name, da geht’s um Förderung von Künstlern und Projekten, Kunst am Bau und Ausstellungshonorare, die genehmigt oder begutachtet werden. Halte ich genauso für wichtig, aber wenn es jemanden anderen geben würde, wäre mir das auch angenehm. Es gibt da viele Sachen, wenn es einen betrifft, sollte man das übernehmen, das ist meine Meinung.

Laterne: Was würdest du jungen Leuten raten, die jetzt in die Kunst gehen wollen, wie sie das anstellen sollen?

Uwe Schwarz: Ich würde denen raten immer offen zu sein für alles, immer alles beobachten, was die Alten gemacht haben, die Eltern oder die Vorfahren. Die neue Technik nutzen und dann einfach kreativ sein, der Kreativität freien Lauf lassen und wenn sie einen Job kriegen in einer Agentur oder Werbesache sollen sie das annehmen, aber ihre Sachen weitermachen und sehen, wie sich das entwickelt. Ob sie eine Chance haben eine Galerie zu kriegen, die sie vertritt. Ich würde das so sehen. Einfach machen, so ähnlich wie ich und sehen, wie es sich entwickelt. Man kann da kaum was sagen, ob mit Studium, ohne Studium. Das Innerste, was einen bewegt, wird sich vordrängen und das muß man dann machen.
Kultur bewahren und weitertragen, egal wie die Gesellschaft sich entwickelt...


Laterne: Wir danken für das Gespräch:





An den Anfang springen