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Kunst Privat Biograhie
Holger Weigelt
 
  • 1961 - geboren
  • 1992 bis 1998 - Studium der Chemie an der Bergakademie in Freiberg
  • seit 1998 - Arbeit im Umweltamt
  • seit 2002 - Beschäftigung mit Töpferei 

Laterne: Du bist der Chef des Vereins, hast uns jahrelang geführt, durch die Gegend geschubst. Du bist der einzige Nichtmaler bei uns. Du bist aber sehr künstlerisch interessiert, hast dich in verschiedenen Bereichen ausprobiert. Wie würdest du deine Arbeit beschreiben? Womit beschäftigst Du dich jetzt? Soweit ich weiß, machst Du grade einen Töpferofen

Holger Weigelt: In den letzten 2-3 Jahren habe ich weniger geschrieben. Für mich ist in letzter Zeit immer wichtiger geworden die Arbeit mit der Keramik. Zur Zeit bauen wir einen zweiten größeren Keramikofen. Ich habe noch einen kleineren, den wir in den letzten 5 Jahren betrieben haben. Künstlerisch ist das so meine Hauptarbeit in letzter Zeit, wo ich versuche als Chemiker mit Glasuren und Ton experimentell umzugehen.

Laterne: Was treibt dich bei der Arbeit an? Warum machst du das?

Holger Weigelt: Es ist ein schöner Ausgleich, keine reine geistige Arbeit. So einen Ofen heizen 16 Stunden lang, das macht Spaß. Ja, man geht einfach mit den Elementen Erde, Feuer, Wasser um. Als ich Gedichte geschrieben habe, da war immer irgend was in mir, was nicht stimmte. Da war ein Leidensdruck da. Den braucht man bei der Keramik nicht.

Laterne: Aus welcher Tradition kommst du? Es gibt ja viele Künstler, die dann einfach aufgehört haben zu schreiben, oder was weiß ich, Schach gespielt haben oder gesagt haben, ich mach jetzt mal ganz was anderes, weil sie das Gefühl haben, sie kommen mit der Kunst an der Stelle nicht weiter, da mach ich lieber was anderes.

Holger Weigelt: Ich würde mich auf alle Fälle als reinen Dichter bezeichnen, es gab viele, die sowohl Romane geschrieben haben wie auch Gedichte, aber eben auch allerhand, die nur Gedichte geschrieben haben. Ich hab also nie Erzählungen oder Tagebücher oder irgend etwas anderes geschrieben. Ich würde mich nicht als Romantiker bezeichnen wollen. Aber, ich hab mich mit sehr vielen russischen Poeten beschäftigt, die mir sehr nahe standen und ansonsten mag ich Villon und Verlaine.

Laterne: Welche Techniken bevorzugst du? Wie ist das mit den Techniken? Da kann ich nur ganz schwer was dazu sagen bei Gedichten. Gibt’s da spezielle Techniken, die du da angewandt hast, rein vom Gefühl her...

Holger Weigelt: Rein aus dem Bauch und an und für sich eine Vorliebe für Reime, aber, wenn das jetzt nicht so entstanden ist oder so, war das für mich auch kein Problem, überhaupt kein Zwang, keine technischen Vorbilder oder noch irgend was anderes, es ist eigentlich alles aus dem Bauch heraus.

Laterne: Was waren Höhepunkte in deinem bisherigen Schaffen? Also meinetwegen, Du hast auch mal einen Verlag betrieben und so, und hast auch einige so handgefertigte Bücher hergestellt, das war für mich, denke ich mal, sehr interessant.

Holger Weigelt: Der Verlag das war schon mit der Höhepunkt. Das hat auch großen Spaß gemacht, die Bücher zu machen, es war eben jetzt aber auch von der Zeit nicht mehr zu vereinen, drum hab ich den jetzt aufgegeben seit vorigem Jahr und mach jetzt hauptsächlich nur noch Keramik.

Laterne: Was hast du als Nächstes vor?

Holger Weigelt: Die Keramik macht die Annette, die kann ja richtig drehen, und was ich eigentlich vorhabe, ich wollte verschiedenes Glas, alte Scherben in die Keramik einbauen..

Laterne: Das ist überhaupt bei allem Brennen so, daß man ein bißchen überrascht ist, was  im Ofen drin ist, was passiert, wie ist der Brand geworden?

Holger Weigelt: Ja, das ist immer eine große Spannung. Man weiß dann schon, was, wie das abläuft, aber einmal ist es grau, einmal ist es zu braun oder einmal zeigt auch der Ton Blasen, das ist ein sehr komplexer Vorgang. Wo noch Blasen sind, oder wo alles nichts geworden ist. aber das ist eigentlich auch das Schöne beim Salzbrand, wenn man eben im Elektroofen das macht, und hat das einmal raus, dann stellst du das ein und dann wird das immer. Es würde mich eigentlich gar nicht interessieren mit Elektroofen zu brennen, es ist eigentlich mehr der Umgang mit dem Holzbrandofen.

 

Aus: Kunstzeitung Laterne 5.Jahrgang Nr. 5/96

Oft frag ich mich, warum ich schreibe. Doch Gedichte sind eine Droge, ein Joint aus dem, was wir erleben. Und ehrlich gesagt, süchtig ist doch jeder. Abhängig wie eine Blume von Licht, glauben wir, schon seit Jahrhunderten, dass wir es schaffen werden mit dem gut gewollten Frieden. Aber Frieden kann auch furchtbar sein. So wie Fernsehen und Salzstangen furchtbar sein können. Das ewige Suchen nach Kleidung, nach lächerlicher Sicherheit. Nach dem Neuen, das gar nicht neu ist. Fische, die in tonnenschweren Netzen zappeln, wie flüssiges Silber und aufgespießte Schmetterlinge in den Museen, können furchtbar sein. Spielautomaten, Autos, Mikrowellen, Baukräne, die im Himmel pfeifen, wie stählerne Vögel. Auch Parfüm kann furchtbar sein und der Blick einer alten Frau aus dem Fenster – stundenlang- Und so hat jeder seine eigene Droge. Seinen eigenen Schmerz. Seinen eigenen Traum. Nur eine Droge, wie sollt ichs anders auch beschreiben, fällt aus wie roter Mohn und wird doch unter Menschen bleiben. Und während ich schreibe und rauche, wird irgendwo jemand auf der Toilette sterben, wird einer seinen englischen Rasen mähen oder zu Gott beten, wird eine Frau sich im Waschzwang ertränken, wird einer auf Arbeit gehen, weil es nichts anderes zu tun gibt, wird einer schlagen seinen eigenen Sohn. Nur eine Droge, wie sollt ichs anders auch beschreiben, fällt aus wie roter Mohn und wird doch unter Menschen bleiben. Und deshalb sind meine Verse Heroin jeden Tag, nicht mit Kalk – rein mit den Augen gefällt. Und doch ist für mich dieser Niederschlag, der einzigste, der mich am Leben hält.






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